KI in der Softwareentwicklung – zwischen Produktivitätsschub und Wissensverlust
Ich nutze nun seit zwei Jahren intensiv verschiedene Arten von KI in meinem Alltag als Softwareentwickler. Dabei habe ich festgestellt, dass ich künstliche Intelligenz auf ganz unterschiedlichen Ebenen und mit unterschiedlichen Absichten einsetze.

Klemens Morbe
Softwareentwickler
Veröffentlicht am
31. März 2025

Berührungspunkte
- Als Java-Entwickler mit mittlerweile 10 Jahren Berufserfahrung: Ich brauche kaum KI-Unterstützung. Hier dient mir die KI eher als beratender Sparringpartner, um Ideen zu validieren oder kleine Optimierungen vorzunehmen.
- Im Frontend-Bereich hingegen sieht es anders aus: Mein Wissen ist hier deutlich dünner. Ich nutze KI vermehrt, oft sogar als nahezu vollständigen Codegenerator statt nur für kleine Snippets. Dabei fühle ich mich produktiv und lerne aktiv dazu – hier ist meine Lernbereitschaft hoch. Hier frage ich die KI oft nach warum etwas so ist, wie es ist.
- Bei Powershell-Skripten hört mein Interesse komplett auf: Ich bin nicht einmal bereit, diese Sprache zu lernen. Hier lasse ich mir komplette Skripte generieren und freue mich darüber, dass mir die KI diese Arbeit vollständig abnimmt. Die Komplexität ist meist überschaubar genug, sodass die KI bisher immer passende Lösungen liefern konnte. Dennoch muss das Skript getestet werden und darf nicht blind vertraut werden.
- Ein ganz anderes Beispiel ist die Musikgenerierung: Ich habe weder Equipment noch Gesangstalent, aber ich schreibe gerne Songtexte. Dank KI eröffnet sich mir hier eine völlig neue Welt: Ich schreibe den Text, die KI übernimmt den Rest – Komposition, Instrumente und Gesang.
Zusammengefasst verwende ich künstliche Intelligenz also auf verschiedenen Ebenen, mit unterschiedlichen Absichten und diverser Lernbereitschaft bzw. Lernabsicht.
Doch genau hier stellt sich eine entscheidende Frage: Was bedeutet diese zunehmende Abhängigkeit von KI für unseren langfristigen Wissensaufbau?
Kognitives Offloading – Wenn das Gehirn Aufgaben an externe Helfer delegiert
Der Begriff „kognitives Offloading“ beschreibt die Auslagerung mentaler Prozesse an externe Hilfsmittel wie Smartphones, Taschenrechner oder eben auch künstliche Intelligenz. Dieses Konzept ist keineswegs neu: Bereits seit Jahrzehnten verlassen wir uns auf technische Hilfsmittel, um unser Gedächtnis zu entlasten oder komplexe Aufgaben schneller zu erledigen.
Der Google-Effekt – Digitale Amnesie im Alltag
Ein bekanntes Beispiel für kognitives Offloading ist der sogenannte „Google-Effekt“. Studien zeigten bereits 2011, dass Menschen sich Informationen schlechter merken können, wenn sie wissen, dass diese jederzeit online abrufbar sind. Das Gehirn speichert dann nicht mehr die eigentliche Information ab, sondern lediglich den Weg dorthin – also wo man sie finden kann. Dazu gibt es ein bekanntes Sprichwort:
Man muss nicht wissen wie es geht, man muss nur wissen wo es steht.
Ähnlich verhält es sich bei der Nutzung von GPS-Systemen: Wer regelmäßig Google Maps nutzt, verliert nachweislich an räumlicher Orientierung und kann sich Wege schlechter merken.
Historische Parallelen – Taschenrechner und Co.
Auch andere Technologien zeigen ähnliche Effekte:
- Schüler, die frühzeitig ausschließlich Taschenrechner nutzen, verlieren nachweislich Fähigkeiten im Kopfrechnen.
- Entwickler, die häufig Codefragmente aus Stack Overflow kopieren, ohne sie zu verstehen, entwickeln eine oberflächliche Kompetenz ohne tiefes Verständnis der Materie.
Diese Beispiele verdeutlichen: Kognitives Offloading bietet kurzfristige Effizienzgewinne – langfristig geht jedoch oft wertvolles Wissen verloren.
Vorteile: Schnelleres Arbeiten und bessere Ergebnisse
Die Nutzung von KI-Tools wie GitHub Copilot oder ChatGPT bietet enorme Vorteile:
- Produktivitätsschub: Routineaufgaben lassen sich automatisieren. Gerade bei ungeliebten oder unbekannten Aufgaben (wie Powershell-Skripten) spart das enorm Zeit.
- Codequalität verbessern: KI erkennt Fehler frühzeitig und schlägt Optimierungen vor. Gerade im Frontend-Bereich lerne ich dadurch Best Practices kennen.
- Neue kreative Möglichkeiten: Wie mein Musikbeispiel zeigt, eröffnet KI uns völlig neue kreative Ausdrucksmöglichkeiten – unabhängig von unseren bisherigen Fähigkeiten.
Risiken: Verlust von tiefem Verständnis und kritischem Denken
Doch es gibt auch Schattenseiten:
- Illusionswissen: Beobachtungen zeigen, dass Entwickler die Qualität von KI-generiertem Code oft überschätzen. Laut einer Analyse auf Dreamhost wirken KI-Lösungen zwar umfassend, sind aber häufig ineffizient oder fehleranfällig. Nutzer hinterfragen solche Vorschläge seltener, was zu oberflächlichem Verständnis und unkritischer Übernahme führen kann.
- Verlust des "Code-Smell"-Instinkts: Eine Microsoft-Studie zeigt, dass übermäßige KI-Nutzung das kritische Denken schwächen kann. Entwickler verlassen sich zunehmend auf KI-Tools, anstatt selbst Probleme zu analysieren. Diese kognitive Entlastung kann dazu führen, dass Fähigkeiten wie das Erkennen von "Code Smells" oder das Hinterfragen von Refactorings verkümmern.
- Langfristige Expertiseerosion: Wer dauerhaft mentale Prozesse an externe Tools delegiert (wie ich bei Powershell), riskiert langfristig den Verlust neuronaler Netzwerke im Gehirn. Das kann dazu führen, dass wir komplexe Zusammenhänge nicht mehr tiefgreifend verstehen können.
Strategien für einen nachhaltigen Umgang mit KI
Um die Vorteile der KI zu nutzen und gleichzeitig Wissensverluste zu vermeiden, sollten wir bewusst mit diesen Tools umgehen:
Aktives Engagement statt passivem Konsum
Anstatt generierten Code blind zu übernehmen („Copy-Paste“), sollten wir ihn aktiv nachvollziehen:
- Spaced Retrieval Practice: Versuche regelmäßig, generierten Code manuell nachzubauen oder zumindest nachzuvollziehen.
- Erklärungsbasierte Validierung: Begründe jede übernommene Lösung mit eigenen Worten oder Skizzen.
- Gamifizierte Challenge-Modi: Nutze Tools bewusst in Modi, die teilweise manuelle Eingaben erfordern (z.B. GitHub Copilot im eingeschränkten Modus).
Kontextuelle Entscheidungen treffen
Nicht jede Aufgabe eignet sich gleichermaßen für kognitives Offloading:

Bewusstes Lernen fördern
Plane regelmäßige „Deep-Coding“-Sessions ein – Zeiten ohne jegliche KI-Unterstützung –, um Ihre Fähigkeiten bewusst zu stärken:
- Reserviere etwa 30 % deiner Arbeitszeit für eigenständiges Arbeiten ohne KI.
- Kombiniere automatische Codevorschläge stets mit manuellen Reviews.
- Nutze persönliche Notizen oder Wissensgraphen zur Dokumentation wichtiger Erkenntnisse aus der Arbeit mit KI-generiertem Code.
Zukunftsperspektiven – Wird KI unser kognitiver Symbiont?
Die Entwicklung neuer Technologien wie OpenAIs Memory API könnte zukünftig beide Extreme verstärken:
- Im Negativszenario verlieren Entwickler zunehmend ihre Fähigkeit zur eigenständigen Wissenssynthese und werden vollständig abhängig von personalisierten Vorschlägen.
- Im Positivszenario hingegen könnte KI zum hilfreichen „kognitiven Spiegel“ werden – sie erkennt Wissenslücken frühzeitig und gibt gezielte Lernimpulse.
Die Neuroplastizitätsforschung zeigt deutlich: Hybrides Lernen (KI-Nutzung kombiniert mit bewussten manuellen Phasen) bietet langfristig die besten Ergebnisse.
Die Kunst des bewussten Vergessens
Jede technologische Innovation bringt Chancen und Risiken zugleich mit sich – das gilt vom Taschenrechner bis hin zur modernen künstlichen Intelligenz.
Für uns Softwareentwickler bedeutet dies konkret, dass wir kognitives Offloading nicht als bequeme Abkürzung betrachten sollten, sondern als strategisches Werkzeug einsetzen. Wenn wir dies beherzigen und bewusst reflektieren, wird uns die Ära der künstlichen Intelligenz nicht schwächer machen – sondern stärker denn je zuvor.

Hier schreibt
Klemens Morbe
Als erfahrener Backend-Entwickler mit Schwerpunkt auf Java und Spring bin ich leidenschaftlich für Clean Code und effiziente Softwarearchitekturen.
Meine Expertise teile ich sehr gerne im Unternehmen sowie in Blogartikeln, die über theoretische Konzepte hinausgehen und realitätsnahe Lösungen für den Entwickleralltag bieten.
Durch meine Beiträge möchte ich nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch den fachlichen Austausch in der Community fördern und zur stetigen Verbesserung der Softwarequalität beitragen.
Quellen
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